Der Pfahl

Der Bayerische Pfahl

Der Bayerische Pfahl - Drachenkamm im Bayerischen Wald

Der Bayerische Pfahl ist eines der auffälligsten geologischen Objekte Bayerns. Wie eine bloßgelegte Wirbelsäule ragt er aus dem Erdboden heraus. Als geradliniger Quarzgang-Zug, erstreckt er sich über 150 km von Nabburg in der Oberpfalz im Nordwesten bis nach Passau im Südosten durch das nordostbayerische Grundgebirge und zieht sich daran anschließend durch das oberösterreichische Mühlviertel bis kurz vor Linz.

In weißer Zauberstunde
Erstarrt im Sternenschein
Gleißt überm Tannengrunde
Der weiße Stein

In übermoosten Tiefen
Drängt aus dem Felsenschacht
Als wenn ihn Sterne riefen
Der Quarz mit aller Macht

Er dringt durch Felsenwände
Von Inbrunst ganz erfüllt
Daß sich in ihm vollende
Das Sternenbild

In seligem Erinnern
An das bestirnte All
Wächst tief im Felseninneren
Der Quarzkristall   (F. von Vegesack)

Eine kleine Erdgeschichte zum Einstieg

Der Bayerische Pfahl

Graphik umgezeichnet nach einer Vorlage der Flurbereinigungsdirektion Landau an der Isar durch M. Kölbl-Ebert, Bayerische Staatssammlung für Paläontologie und Geologie, München

Die Oberfläche unseres Planeten unterliegt einem kaum merkbaren, aber stetigen Wandel. Angetrieben von langsamen unterirdischen Konvektionsströmen verändern im Laufe von Jahrmillionen sogar Kontinente ihre Lage, sie bewegen sich als Teil riesiger Erdkrustenplatten aufeinander zu oder driften auseinander. Im Laufe der Erdgeschichte kam es dadurch immer wieder zu Kollisionen großer Kontinente. Unter ihrem gewaltigen Druck werden dabei kilometerdicke Gesteinsschichten zusammengepreßt, übereinandergeschoben und zu Gebirgen wie den Alpen oder dem Himalaya aufgetürmt.
Im Steinkohlezeitalter (Karbon) vor mehr als 300 Millionen Jahren kam es im Bereich des heutigen Mitteleuropa zu einer derartigen "Begegnung" der Urkontinente von Nordamerika, Eurasien und Afrika. Als Folge wurden von Spanien bis weit nach Osteuropa neue Gebirge aufgefaltet. Diese kennen wir heute als Mittelgebirgslandschaften. In Deutschland zählen dazu beispielsweise der Schwarzwald, der Harz, das Erzgebirge oder auch der Bayerische Wald. Als übergeordneter Ausdruck wird für alle in damaliger Zeit entstandenen Gebirge der griechische Ausdruck "Varisziden" verwendet. Das Zeitalter dieser Gebirgsentstehung heißt deshalb auch Variszische Gebirgsbildungsphase.

Das fast ausschließlich aus Quarz bestehende Pfahlgestein bildete sich in mehreren Phasen. Zunächst einmal wurde die bereits lange zuvor entstandene Gebirgsmasse des Bayerischen- und Böhmerwaldes durch das Aufeinanderprallen der Kontinente in mehrere große Schollen zerbrochen, die infolge starker seitlicher Einengung mehrfach gegeneinander verschoben, verkippt und gehoben wurden. Als markanteste Bruchlinie, die noch heute geologisch die Gebirgsschollen des Vorderen und Hinteren Bayerischen Waldes trennt, wurde die "Pfahlstörung" angelegt. Hier bewegten sich wiederholt starre Bereiche der Erdkruste aneinander vorbei. Wie zwischen zwei riesigen Mühlsteinen wurden die angrenzenden Gesteinspartien in feinste Mineralkörner zerrieben und zusammengepresst. Aus den ursprünglich anstehenden Granit- und Gneisgesteinen entstanden so entlang der Pfahlstörung ein relativ mürber Gesteinstyp: Der Pfahlschiefer.
Gleichzeitig entstanden leicht schräg zu dieser geologischen Schwächezone unterirdische fiederartige Riss- und Kluftsysteme, in die in mehreren Schüben kochend heiße Kieselsäurelösungen aus dem Erdinneren eindrangen. Beim Erkalten dieser Lösungen kristallisierte der eigentliche Pfahlquarz aus. Nach vielen Millionen Jahren der Verwitterung und Abtragung der angrenzenden, weicheren Pfahlschiefer wurden die härteren Quarzzüge des Pfahl allmählich aus der Umgebung herausmodelliert. Dort wo sie dem Abbau nicht zum Opfer gefallen sind zieren sie noch heute als weithin sichtbare, leuchtend- weiße Felsenriffe unsere Landschaft.

Die Sage vom Pfahldrachen

Die Entstehung dieses eigenartigen Felsgebildes war lange Zeit ungeklärt. In den volkskundlichen Überlieferungen wird der Pfahl wegen seines bizzaren Aussehens oftmals als Werk des Teufels, der unter den Felsen kristallene Schätze verbirgt, als versteinerter Kamm eines gewaltigen, in der Erde ruhenden Drachen oder als den - nach dem Untergang der alten Götter - zu Stein zerschmolzenen Rest Wallhalls gesehen. Zahlreiche Sagen und Mythen umragen den Pfahl, eine davon ist hier wiedergegeben:

Früherszeiten war der Wald noch voller Zauber; da ging noch der Hemann um, der Rübezahl des Waldes, da brauste im Sturm das wilde Jagd und in der Unterwelt wohnte Frau Venus, sehnsüchtig, törichte Jäger in ihren Palast von Kristall zu verlocken.

An einem schönen Sommerabend hatte sich der Junker von Bärndorf im Schatten eines Felsens zum Schlafe niedergelassen und es überkam ihn ein bedrückender Traum. Der Fels, an dem er lag, öffnete sich leise und hervor trat eine Frau von wunderbarer Schönheit, verführerisch und geschmückt mit Gold und Juwelen. Dem Schläfer war’s, als neige sie ihr Haupt, das mit einem Krönlein aus lauter Kristall geziert war, lieblich über ihn und lege ihre weiße Hand auf sein beseligt pochendes Herz, also sprechend: "Ich bin die Königin im kristallenen Reiche und dort ist mein Palast!" Dabei zeigte sie nach der Öffnung im Fels, durch die sich ein schimmernder Garten wies mit Blumen aus Edelgestein und mit Bäumen aus Gold und Silber; ein hohes Schloß, aus glitzerndem Kristall gebaut, stand inmitten. "Ich liebe dich," sagte das herrliche Weib, "ich mache dich zu meinem Könige, so du abtun willst deinen schweren Erdenleib, dafür das leichtere Wesen der Geister anzunehmen. Komme denn morgen in der Mittagsstunde an eben den Ort, und wenn der spitze Schatten jener Tanne auf den moosigen Stein zielt, der ihr zu Füßen liegt, dann schür’ ein Feuer an und hebe den Stein auf! Du wirst eine grüne Eidechse finden; die ergreife sonder Grauen und rufe dreimal gen den Fels:

Königin im kristallenen Stein,Du mach mich ledig von Fleisch und Bein!

So rufe, aber beim Dritten Male schleudere den Wurm in die Flammen, dann wird sich der Fels öffnen und ich komme, dich zur Hochzeit zu führen, die uns selig und ewig vereinigen soll."

Schau, nicht im entferntesten mehr gedachte der Junker seiner Braut von Fleisch und Bein, der schönen, guten Wolfindis. Die wartete an diesem Tage, das erstemal seit ihrer Liebe, vergeblich auf den Besuch des Bräutigams. Als aber ein entsendeter Bote mit der Nachricht zurückkam, der Junker sei ausgeritten, niemand wisse wohin, und als die Sonne bereits gen die Mitte ihres Bogens zielte, da erfaßte plötzlich seltsame Angst das Herz der Liebenden. Sie hielt es nicht mehr aus in der Burg, zu Roß stürmte sie, nur von einem treuen Knecht begleitet, waldwärts.

Ein guter Engel mochte die treue Liebe führen; denn just an den Ort, wo der Junker von Bärndorf sich höllischem Zauber zu überliefern im Begriffe stand, dahin rannten die Rosse der Suchenden. Schon hatte er zweimal vollendet das Sprüchlein, aber ehe er zum drittenmal beginnen konnte, scholl’s in heller Angst aus dem Wald: "Berthold, o Berthold! Bei G o t t . . ."

Nicht vermocht’s die Maid, den Angstruf zu vollenden: in demselben Augenblicke, als der Name des Herrn erscholl, fuhr mit Donnergroll ein Feuer durch den Wald, ein Schrei drang aus der Tiefe; das zauberische Gezücht, mit dem Ring der Hand des Ritters entschwunden, lag glimmend als eine Schlange fabelhaft ausgereckt durch den ganzen Wald. Der heilige Name im Mund der Liebe hatte solch Strafgericht bewirkt. Zusammengeschmolzen lag der Palast der Teufelin und in zackig Gestein verwandelt der Wirbelstrang ihres Zaubertiers vom Dreisesselberg herauf bis an die Grenze des Waldgebirges.
(Autor unbekannt)

Der Pfahl verschwindet...

Der Pfahl verschwindet

Zu Anfang des 19. Jahrhunderts begann für den Pfahl eine lange, unruhige Zeit: Der harte Quarz wird seither als besonders tragfähiger Schotter für den Straßenbau abgebaut. Zahlreiche Steinbrüche entstanden und viele malerische Felspartien fielen dem Abbau zum Opfer. Heute sind nur mehr wenige Quarzbrüche entlang des Pfahl in Betrieb. In diesen wird neben Straßenbaumaterial bevorzugt reiner Quarz für die Herstellung von Silizium gewonnen. Silizium wird vor allem im High-Tech-Bereich zur Herstellung von Computerchips und Solarmodule verwendet.

Was die natürliche Erosion in Jahrmillionen nicht zuwege gebracht hat, vermag der Mensch in kürzester Zeit zu vollbringen. Der Pfahl ist ein einzigartiges geologisches Phänomen auf der Erde. Wird es zerstört, fehlt uns ein Kapitel im Buch der Erdgeschichte.

Weitere Informationsmöglichkeiten

Pfahl-Infostelle Viechtach
Altes Rathaus, Stadtplatz 1, 94234 Viechtach
Tel: 09942-904864, Fax 09942-904856
Email: naturpark-bayer-wald-pfahlinfo@t-online.de
Kristallmuseum Viechtach,
Rainer und Sabine Klingl,
Linprunstraße 4, 94234 Viechtach,
Tel. 0 99 42 / 54 97, Fax. 0 99 42 / 60 65