Leidenschaftliches Plädoyer für die E-Mobilität zum Auftakt der Klimawochen im Landkreis Regen

Viechtach. Einen anregenden und mitreißenden Vortrag hörten etwa 90 Zuhörer am Dienstagabend im Pfarrsaal. Zur Eröffnung der Ausstellung „Klimafaktor Mensch“ im Rahmen der „Klimawochen im Landkreis Regen“ gewährte Referent Kurt Sigl hochinteressante Einblicke in seinem Einsatz für zukunftsfähige Mobilität und seine Antwort auf die Frage „Wie werden wir uns morgen fortbewegen?“

Nach einem einleitenden Musikstück des Jazz-Pianisten Sven Ochsenbauer und der Begrüßung durch den „Hausherrn“ Stadtpfarrer Dr. Werner Konrad sowie Dr. Wolfgang Schlüter, den Initiator der Veranstaltung, sprach Erich Muhr als stellvertretender Landrat ein Grußwort, in dem er die Aktivitäten des Landkreises hinsichtlich Klimaschutz und Energieeffizienz aufzählte; unter anderem soll 2017 das landkreisweite Energieeffizienznetzwerk starten. Auch Bürgermeister Franz Wittmann wies auf städtische Klimaschutzbestrebungen hin, etwa die Umstellung auf LED-Beleuchtung und die Fortbildung eines Angestellten zum Energiemanager.

Dr. Werner Wahliß vom Bayerischen Landesamt für Umwelt als Leihgeber der Ausstellung zitierte die Enzyklika „Laudato si“, in der Papst Franziskus den Klimawandel ausdrücklich als globales, also auch als kirchliches Thema bezeichnet. Wahliß konnte sich am Valentinstag auch ein passendes Zitat von Karl Valentin in leicht abgeänderter Form nicht verkneifen: „Alle reden vom Klimawandel, aber keiner tut etwas dagegen.“

Hauptreferent Kurt Sigl, der Präsident des Bundesverbandes E-Mobilität, ging von Anfang an in die Vollen. Der Ingolstädter, eigentlich von Beruf Schreinermeister und jahrelang als Fahrsicherheitstrainer bei Audi beschäftigt, erzählte von seinem Werdegang hin zum unkonventionellen Verfechter eines Umdenkens in Energie- und Mobilitätsfragen. Sein Schlüsselerlebnis sei gewesen, als er 2009 bei einem USA-Urlaub geräuschlose Elektro-Motorräder in den kalifornischen Dünen sah. Seine Neugier war geweckt, zurück in Deutschland ging er daran, Elektro-Motorrad-Fahrtraining anzubieten. Obwohl es damals bereits auf dem Papier einen „nationalen Entwicklungsplan“ zur E-Mobilität gab, musste er einen langwierigen „Marsch durch die Instanzen“ antreten, bevor er sein Vorhaben umsetzen konnte. Sigls Entschluss stand fest: „Ich gründe einen Bundesverband E-Mobilität.“ Dieser entstand dann wirklich mit sieben Gründungsmitgliedern und dem Ziel, rechtliche Rahmenbedingungen für E-Mobilität unter Nutzung erneuerbarer Energien zu schaffen. Inzwischen ist der Verband unter seinem findigen Vorsitzenden zu stattlicher Größe angewachsen.

Leidenschaftlich wandte sich Sigl mit seiner Zukunftsvision an das Viechtacher Publikum: „E-Mobilität ist facettenreich. Sie beginnt beim Pedelec, E-Bike, E-Roller und E-Motorrad, geht weiter beim E-Auto, beim Lkw, beim ÖPNV, ja bis hin zur Schifffahrt und zum Flugzeug.“ Eindringlich warnte Sigl davor, eine Entwicklung zu verschlafen, in der Deutschland schon überholt worden sei.

Lange Zeit habe die Autoindustrie hierzulande kein Interesse an Elektromobilität gehabt, und auch das Umdenken in der Bevölkerung erfordere Zeit: „Am Anfang fand man Pedelec-Nutzer bekloppt und E-Bikes nur interessant für alte Leute!“ Heute seien diese Fahrräder die Vorboten einer neuen Zeit. Global schreite die Entwicklung auf dem Gebiet der Elektromobilität rasend schnell voran. So sei im bolivianischen La Paz eine Elektro-Seilbahn geplant, die Millionen von Menschen oberhalb der Stadt befördern soll.

Sigl warb für kompromisslosere Denkansätze im Zeitalter rapide wachsender Mega-Citys: „Verkehre müssen vernetzt werden, die Autoindustrie muss sich mit Informationstechnologie-Giganten liieren!“ Wenn heute die Autoindustrie 85 Millionen Autos pro Jahr produziere, würden es gemessen am Anstieg der Weltbevölkerung 2050 hochgerechnet 250 Millionen Autos jährlich sein: „Das geht nicht mit fossiler Energie!“

Ganz konkret auch für deutsche Städte, wo Privatautos oft eher ein Ballast seien, forderte er: „Mehr Attraktivität für E-Roller, Roller-Sharing, Radschnellwege für E-Bikes!“ Harsche Kritik äußerte Sigl gegenüber dem Verband deutscher Autoindustrie: „Die haben die E-Mobilität blockiert. Deutschland ist Schlusslicht.“ So sei etwa der amerikanische E-Autohersteller Tesla dem deutschen Stand der Technik nach seiner Einschätzung um sechs bis sieben Jahre voraus. In der Region sei zwar mit dem E-Wald-Projekt ein schönes „Schaufenster“ für die neue zukunftsweisende Technologie geschaffen worden, aber deutschlandweit müsste mehr geschehen.

Dem Normalbürger empfahl Sigl den Umstieg auf E-Mobilität, die Rückbesinnung auf ressourcenschonende Fortbewegung, auch das Zufußgehen. „Wir sollen unser eigenes Fahrverhalten analysieren. Was brauche ich wirklich?“ Das Festhalten an alten Denkmustern sei dabei hinderlich: „Wer sich nicht verändert, bleibt stehen“, man solle auf allen Gebieten die neuen Technologien nicht behindern, sondern fördern: „Man muss etwas zum Positiven ändern, statt es totzuquatschen!“ Dazu gehöre nicht nur die radikale Abkehr von fossiler Energiegewinnung hin zu den erneuerbaren Energien, sondern auch der erste Schritt jedes Einzelnen: „Fangen Sie mit Pedelec an!“

Veranstaltet werden die „Klimawochen im Landkreis Regen“ durch den Landkreis Regen, den Arbeitskreis Energie und Verkehr, die Umweltstation Viechtach, den Naturpark Bayerischer Wald.be 

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