Der Untertitel auf der Suche nach dem, was „hinter Bayern“ liegt, könnte auch lauten: „Heimat, bitte lächeln“, weil eher unernst auf Ernsthaftes der ostbayerischen Region eingegangen wird. So bleibt auch unklar und ungeklärt, ob der oben bezeichnete Gesichtsausdruck einem freudigen Erkennen und Recht haben, einem schuldhaften Bedauern, gar einem frechen Grinsen oder einem herzlichen Lacher entspricht.

Denn wenn die WaldlerBuam kommen, geht es nicht nur um den Bayerischen Wald, nicht nur um Umwelt, Natur und andere Heimatreste, dann geht es vor allem um das Dazwischen liegende, um das Widersprüchliches, um das Klischee und sein Dahinter. Und da darf tatsächlich gelacht oder mit dem Kopf geschüttelt und zur Volksmusik endlich wieder mal mit den Füssen gewippt werden, denn scheinbar nebenbei, fast unabsichtlich, führt, verführt, einem die Lesung gut gelaunt hinter die ostbayerische Kulisse, lässt die Zuhörer in die Falle der Realität tappen, lässt einiges quer und unverdaulich liegen.

Dann stellen Herbert Pöhnl und die Musikanten wieder die Frage „Wo bitte liegt HinterBayern?“ an ihre Zuhörer mit den Geschichten aus dem Waldland mit seinem typischen WaldlerDorf Hinterkirchreuth*. Dort machen sich das Hoamadl und die Moderne ganz schön breit und diese Schnittstelle, diese Koexistenz von Brauchtum, Waldsterben, Festen und Flurbereinigung beschreibt Pöhnl sensibel und knallhart bei diesem ganz anderen Heimatabend.

Die Lesung beobachtet mit Humor, Sympathie und Direktheit den Werdegang eines Dorfes von seiner Unterentwicklung zum global Village. Dabei werden nicht nur Brauchtümler, Fremdenverkehrsamtsleiter und Dorfverschönerer ins kritische Visier genommen, mit subtilen Wort- und Beispielen umkreist, bloßgestellt und ganz gehörig erschreckt. Der ganze Sinn und Unsinn rund um das „Typische“, um das „Normale“, werden gegeneinander gestellt und sie ergänzen sich scheinbar bestens, alltäglich, bodenständig und doppelbödig, eben hinterbayerisch.

Es wechseln sich nachdenkliche, kabarettistische, literarische und melancholische Stimmungen ab und es wird sowohl sichtbar, in welch schwieriger Situation sich die regionale Alltagskultur bewegt als auch erkennbar, dass eine Rückbesinnung ebenso aussichtslos wie unangebracht zu sein scheint. Die beschriebenen Zustände wollen die Region und ihre Menschen nicht lächerlich machen oder vorführen, es soll erahnt werden, warum sie so sind und wie sie möglicherweise sein könnten. Das Klischee wird hinterfragt und zerlegt und sichtbar wird ein Gemenge aus Rückbesinnung, Vermarktung, schlechtem Gewissen, aus Hilflosigkeiten und Heimatliebe.

Im November 2000 war der erste Auftritt und die Aktivisten hatten sich erst eine Stunde vorher als Gruppe formiert. Pöhnl, der in den 90er Jahren in verschiedenen Situationen gelesen hatte, wollte einen „anderen Heimatabend“ zusammenstellen und konnte Roland Pongratz, den Volksmusikanten und Organisator von Festivals („Drumherum“) als musikalischen Partner gewinnen. Zur Verstärkung und Erweiterung der Möglichkeiten konnte Hartwig Löfflmann, der Leiter der Blaskapelle Frauenau, gewonnen werden. Dazu stoßen im letzten Moment noch Christoph Pfeffer und Theo Hofmann, zwei bekannte Rock- und Jazzmusiker, die ebenfalls Wesentliches zum zweitgemäßeren Klang- und Erscheinungsbild von Volksmusik betragen.

Die Formation erwies sich, nicht zuletzt wegen der enormen Bandbreite der musikalischen Aktivitäten aus vielen Formationen und wegen der gleichzeitigen Eingebundenheit in die Region, als flexibel, solide und glaubwürdig. Daraus wurde sofort eine produktive Einheit. Die Gruppe bekam neue Termine und bald Fernsehmitschnitte, besonders dann, wenn es Kritisches, aus der Tradition heraus entwickeltes Neues zu senden gilt. Denn Kern des Abends ist die „regionale Identität“, die Suche und das Finden von Schwächen und vermeintlichen Fehlentwicklungen einerseits und das Aufzeigen des Wertvollen, des Verlorenen, andererseits, das sich verbindend und thematisch durch den Abend zieht.

Ebenso überraschend und anfangs nicht vorstellbar ist der große Zuspruch, die immer wieder vorgefundene Begeisterung für die Thematik, die nun seit über fünf Jahren in Ostbayern vorgestellt wird. Ganz offensichtlich ist hier ein großes Publikum an zeitgemäßer und (selbst)-ironischer Beschreibung des Alltags und an swingender Volksmusik interessiert. Bemerkenswert ist, dass gerade aus dem Bereich des Tourismus und der Kommunalpolitik immer wieder Anfragen kommen und eine große Unterstützung der jeweiligen Veranstalter. Der Begriff „Hinterbayern“ ist so umgangssprachlich zum Begriff geworden und die Veranstaltung „Wo bitte liegt HinterBayern?“ hat mittlerweile einen Kultstatus erreicht. Das bestätigen sowohl die schriftlichen Aufregungen von Heimatvereinsvorständen und die Thematisierung beim Faschingsumzug als auch die häufigen Anfragen von Filmemachern und Journalisten.

Das Programm ist wie das Zustandekommen der Formation immer im Fluss, nicht wirklich durchgeplant, ständig kommt Neues und Aktuelles hinzu, die Beteiligten überraschen sich nicht selten gegenseitig, die Zugehörigkeit zur Region, zu den regionalen Werten, zum Publikum, wird sofort glaubhaft deutlich. Hier steht nicht eine Tourneegruppe auf der Bühne sondern Kollegen, lokale Kulturer, Mitbürger, Waldler, die sich auf Grund günstiger Umstände gefunden haben und die ohne jede Probe, ohne jede Regieanweisungen, ihre Geschichten und Musikstückl abziehen, wie bei einem Hoagoartn, wie bei einem Heimatabend, auch wenn der sehr eigenwillig ist. Es ist deshalb auch ergiebig, die spezielle Produktion eines Buches oder einer CD/DVD zum Thema als nicht notwendig zu erachten und den Live-Charakter und damit das Hin-Gehen-sollen zu erhalten, das Erleben, wie es etwa einem „Hoagoatn“ entspricht, zumindest äußerlich.

Die Musikanten der OrginalWaldlaBuamShowBänd interpretieren, vertonen und mischen zu Pöhnls Texten Landler, Gesang, Zwiefache, Experimentelles, Rap und Ari und andere Geräusche, manchmal ist auch ein Trauermarsch dabei. Zu ihrem Spielzeug gehören Trommeln, Geige, Tuba, Gitarre, Diatonische, Schellen und Mundharmonika. Sie schaffen es, die Verkrustungen, das ernst gewordene der Volksmusik, zum Wackeln zu bringen, eine neue, zeitgemäßere Form von regionaler Musik anzuspielen und Volksmusik wieder gesellig, spontan, direkt, kommunikativ und locker zu interpretieren. Die Musiker haben sich aus der anfänglichen Begleitband mittlerweile zu einem weitgehend eigenständigen Part im Heimatabend entwickelt. Sie helfen ganz wesentlich mit, den Bogen über die einzelnen Geschichten zu (über)-spannen.

Die Texte Pöhnls sind bei der literarisch-musikalische Reportage ineinander verwoben und aufeinander gestützt und ergeben so einen weit gespannten Bogen und tiefen Einblick in die waldlerische Seelenlage von Totenbrett bis Almabtrieb, von Naturschutz bis Dialekt. Der Thematik haben sich mittlerweile mehrmals auch Radio und Fernsehen angenommen.

Herbert Pöhnl ist Mitarbeiter des „verlages lichtung“ in Viechtach. Er hat in vielen Texten zur Region diverse Thematiken aufgenommen. Seit rund 15 Jahren schreib er über Heimatverlust und –erneuerung, über Missverständnisse und Identitäten, über Wurzeln und von der Suche danach. Er versteht sich auch als Landschaftsfotograf, hier hat er ebenfalls eine Fülle von Veröffentlichungen vorzuweisen, ebenso Ausstellungen und Bilderschauen und unter anderem die Fotobände „HinterBayern“ (1996 mit Texten von Karl Krieg und Bernhard Setzwein) und „Heimat, bitte lächeln“ (2004 mit Texten v. B. Setzwein).

Wer diesen heimatlichen Event, diese „Lesung mit Musik und Bildern“ erleben will, muss ihn suchen, besuchen, es gibt viel zu lächeln, möglicherweise sogar was zum (sich-selber-aus)-Lachen. Vielleicht ist auch das HinterBayern?

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